Schwerpunktthema der Frühjahrssynode

Alter neu sehen

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    Mann und Frau

    Die Synode hat sich auf ihrer Frühjahrstagung 2015 in Bad Wörishofen mit dem Thema "Alter" auseinandergesetzt - und ein offizielles Wort dazu beschlossen.

    Bild: (c) ©iStockPhoto / -PeopleImages

    „Alter neu sehen“: Im Impulsvortrag, in Begegnungen und in der Generaldebatte drehte sich alles um die Herausforderungen und Chancen des Alters und Gestaltungsaufgaben für Kirche und Gesellschaft.

    Ein Schwerpunkttag rund um das Thema „Alter neu sehen“. Die 108 Synodalen wendeten sich im Hören und Diskutieren vielen Aspekten dieser Lebensphase zu, von der Partizipation und dem Gestaltungswillen älterer Menschen über das Miteinander der Generationen, bis hin zu Herausforderungen wie Vereinsamung, Demenz und Pflegenotstand.

    In dem Hauptvortrag zum Thema "Alter neu sehen" forderte der Gerontologe Professor Doktor Andreas Kruse, Heidelberg, das Alter nicht nur auf das Körperliche zu reduzieren, "jenen Bereich des Alters, in dem der Mensch die größte Verletzlichkeit zeigt." Gerade das Christentum lehre, die Perspektive auf seelische, geistliche, kommunikative und alltagspraktische Aspekte zu weiten. Geschehe dies, so könnte auch der Alte, der körperlich sehr verletzlich sei, bemerkenswerte seelisch-geistige Potentiale zeigen.

    Zusammenspiel der Generationen

    Das Alter dürfe "keinesfalls von anderen Generationen unabhängig betrachtet werden". betonte Kruse. Gerade in dem Austausch mit anderen Generationen könne das Alter etwas von seiner Kreativität zeigen. Sein schöpferisches Potential äußere sich als geradezu erst im Miteinander mit den anderen Generationen.

    Hände,© © iStockphoto / fzant

    Bild: © iStockphoto / fzant

    Wo liegen die Herausforderungen für die Gesellschaft im Hinblick auf ältere Menschen?

    Der Heidelberger Gerontologe Professor Andreas Kruse im Interview

    Hier müssten Gelegenheitsstrukturen, geschaffen werden, um Jung und Alt zusammenzubringen. So habe man im Rhein-Neckarbereich Generationendiskurse angeregt. "Wir sind beeindruckt, was sich Jung und Alt geben können."

    Professionelle Pflege durch Sorgestruktur ergänzen

    Um dem sozialen Wandel angemessen zu begegnen, sei es notwendig, "Care und Cure zusammenzubringen". Es gebe Situationen, in denen eine hohe Professionalität nötig sei - 'Cure', die nur Pflegeexperten leisten könnten. Hier könne und müsse immer enger mit der Rehabilitationsmedizin zusammengearbeitet werden. So könnten zahlreiche Symptome durch Rehabilitation abgebaut und das Wohlbefinden von Menschen verbessert werden. Dabei müsse die Kluft zwischen Medizin und Pflege dringend abgebaut werden. Vielfach betrieben die Pflegeexperten hochdifferenzierte Diagnostik.

    Neben 'Cure' müsste aber auch 'Care' treten, eine Sorgestruktur, die die professionelle Pflege unterstütze. Dies sollte nicht nur den Familien überlassen bleiben, sondern auch durch bürgerschaftliches Engagement geleistet werden. Kruse: „Hier hat die christliche Gemeinde eine ganz klare Position zu beziehen. Es ist doch eine wunderbare Aussage, dass wir uns als eine Gemeinde verstehen.“

    Nach den Ausführungen von Professor Andreas Kruse diskutierten die Synodalen in vier Foren: Alter neu sehen als Chance für Stadt, Land und Pflege und als Gestaltungsauftrag für die Gesellschaft. In der Mittagszeit fanden Begegnungen statt. Die Synodalen konnten sich selbst ein Bild über Angebote, Aktionen und Projekte für ältere Menschen in Bad Wörishofen und Umgebung machen. So besuchten sie die "DiakoNische" für Menschen mit seelischen Problemen in Mindelheim, die Spezialisierte ambulante Palliativversorgung im Unterallgäu, die Aktion Ma(h)l nicht allein, das Modellprojekt Campus Demographie sowie die Sebastian-Kneipp-Schule.

    Eine ältere Dame und ein älterer Herr,© © iStockPhoto / kupicoo

    Bild: © iStockPhoto / kupicoo

    Wo liegen die Herausforderungen für unsere Kirche? Was kann Kirche in Bezug auf ältere Menschen leisten? Wo muss sie aktiv werden?

    Der Heidelberger Gerontologe Professor Andreas Kruse im Interview

    Wort der Synode: Chancen wie noch nie

    Die Landessynode tritt in einem "Wort der Synode" dafür ein, eine „neue Sicht auf das Alter zu entwickeln und die vielfältigen Chancen zu ergreifen, die sich daraus für jeden Einzelnen, die Gesellschaft und die Kirche eröffnen“. Das christliche Menschenbild sehe das Alter mitsamt seinen Beschwernissen als eine Zeit des Segens und der Lebensfülle, des möglichen neuen Aufbruchs und der Dankbarkeit für ein erfahrungsreiches Leben. Drei Aspekte stellt die Synode in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen.

    Chancen des dritten Lebensalters

    Ein deutlich längeres Leben heute sei ein Geschenk: „Für oft viele Jahre öffnet sich ein Fächer von Möglichkeiten: Zeit für Familie, Reisen, Bildung, aber auch für neues Engagement, selbstbestimmte berufliche Tätigkeiten und das Einbringen brachliegender Begabungen“, so die Synode. Die Menschen in diesem eigenständigen dritten Lebensalter seien ein kreatives Potential mit der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und die Gesellschaft mitzugestalten. Für die Kirche sei es ein Segen, so viele Mitglieder zu haben, die nach der Berufstätigkeit in ihr aktiv werden, eine Vielfalt von Gaben mitbringen und neue spirituelle Erfahrungen suchen.

    Die Landessynode plädiert unter anderem dafür, die sozialen Systeme der Alterssicherung solidarischer und generationengerecht umzugestalten, altersgerechte Zuverdienstmöglichkeiten auszubauen. In Kirche und Diakonie soll den älteren Mitgliedern Unterstützung und Raum für selbst verantwortete gemeindliche und diakonische Initiativen geboten werden sowie gezielte generationenübergreifende Formen der Gemeindearbeit gefördert werden.

    Chancen für bessere Unterstützung im Alter

    Das dichte Netz von Gemeinden und diakonischen Einrichtungen sei eine große Chance gerade für Menschen, die in einer bestimmten Lebensphase weniger mobil sind.
    Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen vor Ort sollen ihre Angebote für Menschen im Alter noch stärker verknüpfen, gemeinsame Konzepte für das Wohnumfeld entwickeln, zum Beispiel neuen Wohnformen im Miteinander der Generationen oder offenen Tischgemeinschaften, sowie sich dabei mit anderen zivilgesellschaftlichen und kommunalen Akteuren im Quartier und in der Region vernetzen.

    Im Blick auf die Pflege solle das Leitbild einer menschenwürdigen, liebevollen Altenpflege konsequent verwirklicht werden. Dazu sei es allerdings dringend erforderlich, für die vielen guten Angebote und die Pflegeberufe wesentlich bessere Rahmenbedingungen zu schaffen und für den großen Bedarf an Alten(heim)-Seelsorge neue Konzepte zu verwirklichen. Hier plädiert die Synode dafür, eine neue Hochschätzung für die Pflegekräfte in unserer Gesellschaft einschließlich einer angemessenen Bezahlung zu verankern, die Pflegeversicherung finanziell erheblich besser auszustatten und in Seelsorge und Gemeindearbeit auch den pflegenden Angehörigen besondere Wertschätzung und Aufmerksamkeit zu geben. Bei der Palliativversorgung fehle eine ausreichende finanzielle Grundlage, beispielsweise für die Sterbebegleitung und Palliativversorgung in Pflegeheimen. Hier sollen die Versorgungs- und Vergütungssysteme so weiterentwickelt werden, dass flächendeckend jedem Sterbenden eine ausreichende Palliativversorgung und genügend Betreuungszeit zur Verfügung stehen.

    Chancen für eine neue Sicht auf das eigene Leben

    Viele Menschen hätten den Wunsch, ihr Leben bis zum Ende erfolgreich zu gestalten. Im Alter spüren sie verstärkt, dass Brüche, Niederlagen und verpasste Chancen hinter ihnen und manchmal noch vor ihnen liegen. Hier könne der Glaube an den gekreuzigten Christus Hoffnung und Freiheit bringen, das bruchstückhafte Leben anzunehmen.


    19.03.2015 / ELKB / Poep